Wer ein paar INCI-Listen nebeneinanderlegt, stößt fast immer auf dasselbe Wort: Glycerin. Es steht in Cremes, Gesichtswässern, Gelen, Shampoos und Zahnpasta, oft unter den ersten fünf Positionen.
Das hat mit den Eigenschaften des Stoffs zu tun – und damit, dass er sich einfach in Rezepturen einarbeiten lässt. Ein Blick auf Chemie, Funktion und Herkunft.
1. Was Glycerin ist
Glycerin, chemisch Propan-1,2,3-triol, ist eine klare, geruchlose, zähflüssige Flüssigkeit mit leicht süßlichem Geschmack. Es mischt sich in jedem Verhältnis mit Wasser.
In der Chemie heißt der Stoff meist Glycerol, im Alltag auch Glyzerin. In der INCI-Liste steht einheitlich Glycerin. Außerhalb der Kosmetik begegnet er dir ebenfalls, etwa als Lebensmittelzusatzstoff mit der Nummer E 422. Es handelt sich also um einen vielseitig eingesetzten Grundstoff.
Chemisch gehört Glycerin zu den Alkoholen: Es trägt drei OH-Gruppen und ist damit ein dreiwertiger Alkohol. Mit dem Trinkalkohol, der in der INCI-Liste als Alcohol erscheint, hat es trotzdem wenig gemeinsam. Warum der Begriff „Alkohol“ in der Kosmetik so viele verschiedene Stoffe umfasst, erklärt der Beitrag Alcohol in der INCI-Liste.
Glycerin ist außerdem das Grundgerüst der meisten Fette und Öle. Ein Triglycerid besteht aus einem Glycerinmolekül, an das drei Fettsäuren gebunden sind. Daher auch Namen wie Caprylic/Capric Triglyceride in vielen INCI-Listen.
2. Welche Funktion Glycerin in der Rezeptur hat
Die CosIng-Datenbank der EU-Kommission nennt für jeden INCI-Namen die Funktionen, für die ein Stoff in Kosmetik eingesetzt wird. Für Glycerin sind dort mehrere hinterlegt, darunter:
- Feuchthaltemittel (humectant): ein Stoff, der Wasser bindet und im Produkt hält,
- Lösungsmittel (solvent): ein Stoff, in dem sich andere Bestandteile lösen lassen.
Beide Funktionen erklären, warum Glycerin in so vielen Produktarten vorkommt. Es hält eine Rezeptur geschmeidig, verhindert, dass sie schnell austrocknet, und dient als Träger für andere Stoffe, zum Beispiel für Pflanzenextrakte.
Glycerin ist nicht das einzige Feuchthaltemittel. Häufig stehen daneben Stoffe wie Butylene Glycol, Sodium PCA oder Sodium Hyaluronate. Letzteres behandelt der Beitrag Hyaluronsäure in der INCI-Liste.
3. Woher Glycerin stammt
Glycerin kann auf verschiedenen Wegen gewonnen werden:
- aus pflanzlichen Fetten und Ölen, etwa bei der Seifenherstellung oder der Spaltung von Fetten,
- aus tierischen Fetten auf demselben Weg,
- synthetisch aus petrochemischen Ausgangsstoffen.
Der INCI-Name ist in allen Fällen derselbe: Glycerin. Aus der Liste allein lässt sich die Herkunft also nicht ablesen. Wer sie wissen möchte, muss beim Hersteller nachfragen oder sich auf eine Zertifizierung stützen.
Bei zertifizierter Naturkosmetik ist Glycerin in der Regel pflanzlichen Ursprungs; was genau zulässig ist, legt der jeweilige Standard fest. Welche Siegel es gibt und was sie prüfen, steht im Beitrag Naturkosmetik-Siegel. Manche Hersteller kennzeichnen die Herkunft zusätzlich mit Sternchen oder Fußnoten in der INCI-Liste.
4. Warum Glycerin so oft weit vorn steht
Die INCI-Liste nennt Bestandteile in absteigender Menge, bis zur Grenze von 1 %. Wie das genau funktioniert, erklärt der Beitrag zur 1-%-Regel.
Glycerin wird in vielen Rezepturen in einer Menge eingesetzt, die es unter die ersten Positionen bringt – oft direkt hinter Wasser oder einem wässrigen Pflanzensaft. Das ist bei diesem Stoff üblich und für sich genommen weder ein Qualitätsmerkmal noch ein Mangel. Es zeigt lediglich, dass Glycerin einen nennenswerten Teil der Grundlage bildet.
Steht Glycerin dagegen weit hinten oder fehlt es ganz, ist das ebenfalls kein Urteil über ein Produkt. Manche Rezepturen setzen auf andere Feuchthaltemittel, wasserfreie Produkte wie Öle oder Balsame kommen oft ganz ohne aus. Die Liste beschreibt eine Rezeptur – bewerten musst du sie im Zusammenhang.
Merken
Glycerin an Position 2 oder 3 ist der Normalfall. Interessanter für die Einordnung eines Produkts sind meist die Stoffe, die danach kommen.
5. Ein Beispiel: Glycerin an Position 2
Als Beispiel dient hier das Hydra Balance Rosengel von MÁDARA („Hydra Balance“ ist Teil des Produktnamens, keine Aussage dieses Beitrags). Laut Herstellerseite (Stand 30.09.2026) steht in der INCI-Liste nach Aloe Barbadensis Leaf Juice an Position 2 Glycerin. Es folgen Rosenwasser, Pentylene Glycol, Butylene Glycol, Panthenol und Sodium PCA; weiter hinten steht Sodium Hyaluronate.
Die Liste zeigt das typische Bild: Glycerin weit vorn, daneben weitere Feuchthaltemittel. Warum Aloe-Saft an erster Stelle stehen kann, erklärt der Beitrag Aloe Vera an Position 1, den Unterschied zwischen Rosenwasser und Rosenöl der Beitrag Rosenwasser oder Rosenöl.
Die Anwendung beschreibt der Hersteller sinngemäß so: morgens und abends auf die gereinigte Haut auftragen, bei Bedarf danach eine Feuchtigkeitspflege verwenden.
Die Kurzfassung: Glycerin ist ein dreiwertiger Alkohol, der in Kosmetik vor allem als Feuchthaltemittel und Lösungsmittel dient – dass es fast überall weit vorn steht, ist normal, und woher es stammt, verrät der INCI-Name nicht.
Quellen
- Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 über kosmetische Mittel, Art. 19 (Liste der Bestandteile).
- Europäische Kommission, CosIng-Datenbank, Eintrag zu Glycerin (Funktionen).
- Herstellerangaben MÁDARA zu Hydra Balance Rosengel (INCI, Füllmenge, Anwendung), madaracosmetics.com, abgerufen am 30.09.2026.
Redaktionelle Prüfung: 01.10.2026, AF – Produktangaben (INCI-Auszüge, Füllmenge, Anwendung) am 30.09.2026 gegen die Produktseite abgeglichen, Fach- und Rechtsangaben gegen die genannten Quellen geprüft, keine Wirkaussagen. Dieser Beitrag ersetzt keine medizinische oder rechtliche Beratung.