Siegel sind eine Abkürzung: Statt jede INCI-Liste selbst zu bewerten, vertraust du einer Stelle, die das nach festen Regeln getan hat. Das funktioniert gut – wenn man weiß, welche Regeln das sind.
1. „Naturkosmetik“ ist kein geschützter Begriff
Anders als bei Lebensmitteln mit dem EU-Bio-Logo gibt es für Kosmetik weder in Deutschland noch in der EU eine gesetzliche Definition von „Naturkosmetik“ oder „Biokosmetik“. Werbeaussagen wie „natürlich“ dürfen zwar nicht irreführen (Verordnung (EU) Nr. 655/2013, § 5 UWG), eine feste Mindestquote an Naturstoffen schreibt aber kein Gesetz vor.
Die internationale Norm ISO 16128 liefert Leitlinien, wie sich Natur- und Bioanteile von Inhaltsstoffen berechnen lassen. Sie legt aber keine Mindestanteile fest und ist kein Siegel.
Die Folge für dich
Das Wort „Naturkosmetik“ auf einer Verpackung ist eine Aussage des Herstellers. Ein Siegel ist die Aussage einer Stelle, die nach einem veröffentlichten Standard zertifiziert.
2. Die großen Standards im Überblick
| Standard | Wer dahintersteht | Stufen |
|---|---|---|
| NATRUE | internationaler Verband mit Sitz in Brüssel, gegründet 2007 von Naturkosmetikherstellern, nicht gewinnorientiert | seit den überarbeiteten Kriterien von 2021 zwei Stufen: Naturkosmetik und Biokosmetik |
| COSMOS | gemeinsamer Standard mehrerer europäischer Verbände und Zertifizierer: BDIH (Deutschland), Cosmebio und Ecocert (Frankreich), ICEA (Italien) und Soil Association (Großbritannien) | COSMOS NATURAL und COSMOS ORGANIC |
| weitere | z. B. ICADA oder Ecocert-eigene Programme | eigene Kriterien – beim jeweiligen Siegelgeber nachlesen |
Die Standards unterscheiden sich im Detail, teilen aber einen gemeinsamen Kern: Sie legen fest, welche Rohstoffe und Verarbeitungsverfahren zulässig sind, und schließen bestimmte Stoffgruppen aus – etwa synthetische Duftstoffe, Silikone und Paraffine aus Erdöl. Für die Bio-Stufe gilt zusätzlich ein Mindestanteil an Rohstoffen aus kontrolliert biologischem Anbau. Bei NATRUE müssen für die Stufe Biokosmetik die natürlichen und naturnahen Stoffe pflanzlichen und tierischen Ursprungs zu mindestens 95 % aus kontrolliert biologischer Erzeugung und/oder kontrollierter Wildsammlung stammen; Wasser und Mineralien zählen dabei nicht mit.
Ein Beispiel für die Angabe eines Herstellers: Santaverde schreibt auf seinen Produktseiten, die Produkte trügen „das NATRUE-Siegel in der höchsten Zertifizierungsstufe“ (Stand 16.09.2026). Das ist zunächst eine Aussage des Herstellers – nachprüfbar ist sie in der NATRUE-Datenbank, und zwar je Produkt: Die unten verlinkte hand cream ist dort am 19.09.2026 in der Stufe Biokosmetik gelistet. Die Stufe wird je Produkt vergeben; einzelne Produkte derselben Marke können in der Stufe Naturkosmetik stehen. Deshalb lohnt der Blick in die Datenbank für genau das Produkt, das dich interessiert – wie das geht, steht in Abschnitt 5.
Ein Produkt, das in der NATRUE-Datenbank steht
Santaverde hand cream, 50 ml. In der NATRUE-Datenbank am 19.09.2026 in der Stufe Biokosmetik gelistet. Vollständige Angaben, aktueller Preis und Grundpreis auf der Produktseite.
3. Was ein Siegel nicht aussagt
- Nichts über Verträglichkeit. Auch natürliche Stoffe können Reaktionen auslösen – ätherische Öle enthalten zum Beispiel viele der Duftstoffbestandteile, die einzeln deklariert werden müssen.
- Nichts über Wirksamkeit. Ein Siegel bewertet Rohstoffe und Verfahren, nicht, ob eine Creme eine bestimmte Wirkung hat.
- Nichts über die ganze Marke. Zertifiziert wird in der Regel das einzelne Produkt. Ein Siegel auf einem Produkt heißt nicht automatisch, dass jedes Produkt derselben Marke zertifiziert ist.
- Nichts über Produkte ohne Siegel. Kein Siegel heißt nicht „keine Naturkosmetik“. Es heißt nur: Das hat niemand nach einem dieser Standards geprüft – oder der Hersteller hat keine Zertifizierung beantragt.
Wichtig einzuordnen
Wer auf bestimmte Stoffe reagiert, prüft immer die INCI-Liste – mit oder ohne Siegel. Bei bekannten Allergien oder wiederkehrenden Hautreaktionen gehört die Frage, welche Stoffe zu meiden sind, in ärztliche Hände. Dieser Beitrag ersetzt keine medizinische Beratung.
4. Vegan und tierversuchsfrei
Für „vegan“ gibt es bei Kosmetik ebenfalls keine gesetzliche Definition; Siegel wie das der Vegan Society setzen hier eigene Kriterien.
Bei „tierversuchsfrei“ lohnt ein genauer Blick: In der EU wurden Tierversuche für Kosmetik schrittweise verboten – für Fertigprodukte seit 2004, für Inhaltsstoffe seit 2009. Seit dem 11. März 2013 gilt das Vermarktungsverbot vollständig: Kosmetische Mittel, deren Endformulierung, Inhaltsstoffe oder Kombinationen von Inhaltsstoffen zur Erfüllung der Verordnung an Tieren getestet wurden, dürfen nicht mehr in Verkehr gebracht werden (Artikel 18 der Verordnung (EG) Nr. 1223/2009). Eine Werbeaussage, die nur diese Rechtslage wiedergibt, ist deshalb kein Alleinstellungsmerkmal. Tests, die nach anderen Rechtsvorschriften vorgeschrieben sind – etwa dem Chemikalienrecht –, erfasst das Verbot allerdings nicht ohne Weiteres. Siegel für tierversuchsfreie Kosmetik gehen in ihren Anforderungen teils darüber hinaus, etwa bei der Kontrolle der Lieferkette. Was genau, steht beim jeweiligen Siegelgeber.
5. Ein Siegel in drei Schritten prüfen
- Siegel auf dem konkreten Produkt suchen – auf der Verpackung oder der Produktseite, nicht nur auf der Startseite der Marke.
- Den Siegelgeber aufrufen. NATRUE und COSMOS veröffentlichen ihre Kriterien und Übersichten zertifizierter Produkte. Bei NATRUE lässt sich in der Datenbank nach Produktname oder Marke suchen und nach Zertifizierungsstufe filtern.
- Die Stufe prüfen. „Natural“ und „Organic“ bzw. „Naturkosmetik“ und „Biokosmetik“ sind unterschiedliche Anforderungen.
Die Kurzfassung: Das Wort „Naturkosmetik“ ist ein Versprechen, das Siegel ist eine Prüfung – und die INCI-Liste bleibt die Stelle, an der du selbst nachlesen kannst.
Quellen
- NATRUE: Label-Kriterien für Natur- und Biokosmetik (Version 3.9, gültig ab 2021), Informationen zum Verband und Datenbank zertifizierter Produkte, natrue.org (Datenbankabfrage 19.09.2026).
- COSMOS-standard AISBL: Informationen zum Standard und zu den Mitgliedern, cosmos-standard.org.
- ISO 16128-1:2016 und ISO 16128-2:2017, Leitlinien zu technischen Definitionen und Kriterien für natürliche und biologische kosmetische Inhaltsstoffe.
- Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 über kosmetische Mittel, Artikel 18 (Tierversuche); Verordnung (EU) Nr. 655/2013 (Werbeaussagen); § 5 UWG.
- Siegelangabe des Herstellers auf der Produktseite der hand cream: santaverde.de, abgerufen am 16.09.2026.
Redaktionelle Prüfung: 19.09.2026, AF – Siegelkriterien und Stufenbezeichnungen gegen natrue.org und cosmos-standard.org geprüft, Artikel 18 der VO (EG) 1223/2009 geprüft. Der Datenbankeintrag der hand cream (Stufe Biokosmetik) wurde am 19.09.2026 in der NATRUE-Datenbank geprüft; der Nachweis liegt vor. Die Darstellung der Standards ist vereinfacht; maßgeblich sind die Kriterien der Siegelgeber. Dieser Beitrag ersetzt keine medizinische oder rechtliche Beratung.